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Hallo,

Hunde, die vom Ausland kommen oder anderweitig über den Tierschutz vermittelt werden bringen eine ganz eigene, oft traumatische Geschichte mit. Sie kennen unsere Welt nicht und brauchen uns, damit wir ihnen diese Welt langsam und voller Respekt ihnen gegenüber erklären können. Dies geschieht nicht über eine übliche „Hundeerziehung“ wie sie oft auf Hundeplätzen oder in einigen Hundeschulen praktiziert wird.

Wenn in der Beschreibung des Hundes vom Tierheim steht: „er braucht ganz viel Liebe und noch eine Hundeschule“ schüttelt sich alles in mir. Das kann sehr falschverstanden werden. Denn wenn unter Liebe verstanden wird, dass er mit Streicheleinheiten und allen Freiheiten überhäuft wird, ist es ein Albtraum für den Hund. Viele dieser Hunde wurden nicht auf Menschen geprägt und empfinden die Berührung eines Menschen oft als blanken Horror. Zumal sie uns ja gar nicht kennen und uns somit auch noch nicht vertrauen können. Wir wollen ja auch nicht von Fremden angefasst werden.

Wenn unter LIEBE ein einfühlsames, liebevolles, respektvolles und sehr geduldiges Verhalten verstanden wird – dann bin ich mit dieser Beschreibung vollkommen einverstanden.

Lasse dem Hund Zeit, um bei dir anzukommen. Zwinge ihn zu nichts und gehe nicht auf ihn zu. Verhalte dich fast so, als ob er gar nicht da ist. Zeige ihm, dass du nichts von ihm willst. So lernt er, dass du keine Bedrohung bist. Er wird sich dir nach einiger Zeit freiwillig nähern. Dies solltest du nur mit einem Lächeln und einer ruhigen sanften Stimme bestätigen. Überschütte ihn nicht gleich mit körperlicher Zuneigung.

Eine Hundeschule im Sinne von Kommandos, geschweige denn Unterordnung braucht er ganz sicher nicht. Unabhängig davon frage ich mich welcher Hund das überhaupt braucht. Zumal eine erzwungene Unterordnung komplett gegen die Natur eines Hundes geht. Ein Hund, der seinem Menschen vertraut und ihn respektiert ordnet sich ihm immer freiwillig und gerne unter und nicht weil der Mensch es will, geschweige denn es einfordert! Respekt müssen wir uns verdienen!

Wenn es dagegen eine Hundeschule ist, die auf dich und das Wesen deines Hundes eingeht, die dir hilft ihn besser zu verstehen und zeigt, wie du ihm Sicherheit und Stärke vermitteln kannst, dann gehe bitte unbedingt hin. Aber reiner Gehorsam ist hier /generell komplett daneben. Das hat nichts mit Bindung und einem sozialen Verhalten zu tun.

Scheue dich nicht zu fragen, ob die Trainer auch Verhaltensberater sind, die Erfahrung mit traumatisierten und wildlebenden Hunden haben.

Die wichtigsten Regeln:

🦴 Hunde brauchen das Gefühl, dass sie sich auf uns verlassen können – dass wir ihnen helfen in dieser, für sie oft bedrohlichen Welt, klarzukommen.

Folgende Regeln sollten ab sofort täglich gelten:

🦴 Lasse dem Hund viel Zeit um „anzukommen“. Der Hund steht bei der Ankunft oft unter Schock.
🦴 Gehe nicht auf ihn zu und erlaube das auch nicht anderen Menschen und Hunden.
🦴 Wenn er sich dir nähert, reagiere sehr ruhig und halte dich mit Streicheleinheiten zurück Erst wenn er dir deutlich zeigt, dass er von dir angefasst werden möchte, streichele ihn.
🦴 Führe ihn draußen immer doppelt gesichert (Sicherheitsgeschirr PLUS ein breites, gepolstertes Halsband).
🦴 Benutze auf KEINEN Fall eine Flexi(ausziehbare)Leine!
🦴 Mache am Anfang nur kurze Spaziergänge vom Haus aus- er soll nicht denken, dass er wieder wegkommt.
🦴 Mache, wenn möglich kurze Autofahrten, die immer positiv (mit einem Spaziergang) verknüpft werden.
🦴 Hole dir Hilfe von guten Tierärzten oder Tierheilpraktikern. Gerade traumatisierten Hunden kann homöopathisch sehr gut geholfen werden.
🦴 Bitte bemitleide ihn nicht, er spürt deine schwache Energie und fühlt sich somit nicht sicher bei dir (die Einstellung: „Du bist ein Glückspilz, denn jetzt bist du bei mir“ hilft dagegen sehr)
🦴 Sei emphatisch und versetzte dich in ihn hinein (was würdest du dir an seiner Stelle wünschen- und was würde dich komplett überfordern?)
🦴 Lass ihn die ersten Monate nur in einem eingezäunten Grundstück frei laufen. Die Gefahr, dass er sich erschrickt und weg rennt, ist sehr groß.

Deine Aufgabe sollte sein, ihm Sicherheit zu vermitteln und Vertrauen aufzubauen. Erlaube ihm, dass er das Recht hat NEIN zu sagen. Er braucht nicht gleich alles zu kennen und jeden nett zu finden. Beschütze ihn somit auch vor aufdringlichen Menschen und anderen Hunden.

Ein sehr wichtiges Thema ist die Kastration der Hunde aus dem Ausland. Leider werden diese Hunde oft sehr früh, meist schon im Kindesalter kastriert, was sich auf deren mentale und körperliche Entwicklung gravierend auswirken kann. Viele Tierschutzorganisation fordern bei der Adoption eines Hundes ebenfalls die Kastration. Dies ist für mich nicht akzeptabel!

Dem nach dem Tierschutzgesetz Stand 1.8.2002 ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen und das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen eines Wirbeltieres verboten. Kastration gilt als Amputation.

Erlaubt sind medizinische Eingriffe in den Körper eines Tieres, also etwa seine Kastration, im Einzelfall nur dann, wenn eine tierärztliche Indikation vorliegt. Erlaubt sind Kastrationen auch, wenn die unkontrollierte Fortpflanzung eines Tieres verhindert oder, wenn tierärztliche Bedenken dem nicht entgegenstehen, ein Tier zu seiner weiteren Nutzung oder Haltung unfruchtbar gemacht werden soll (§ 6 Abs. 1 Nr.5 des TierSchG).

Tierschutzvereine möchten, zu Recht, verhindern, dass sich Hunde unkontrolliert fortpflanzen. Dafür können wir sorgen, indem wir die Hündinnen in der kritischen Phase der Läufigkeit an der Leine behalten und auch einen Rüden nicht ohne Aufsicht frei rumlaufen lassen. Wir sollten Verantwortung übernehmen und nur, wenn wir merken, dass eine Kastration wirklich aus gesundheitlichen oder psychischen Gründen für unsere Hunde notwendig ist, diese auch durchführen lassen.

Wir können unserem Hund nicht seine Vergangenheit, sein erlebtes Leid abnehmen- ihn alles vergessen lassen. Was passiert ist können wir nicht ungeschehen machen. Aber was jetzt in diesem Moment stattfindet haben wir in der Hand. Wir können unseren Hunden eine neue Welt zeigen. Eine Welt die wunderschön, herrlich aufregend, voller Freunde und Zuneigung ist.

Wenn wir uns dessen bewusst sind, welche Herausforderung, aber auch welche Chancen uns mit einem Tierschutzhund erwarten lohnt sich jede Sekunde „Arbeit“, die wir in diesen Hund investieren. Früher oder später werden wir mit einem Gefühl belohnt, dass fast an ein Wunder grenzt.

Es gibt nichts, was einen tiefer berühren kann als ein Hund, der plötzlich wieder seine Lebensfreude entdeckt und uns mit strahlenden Augen voller Vertrauen und Liebe ansieht.
Und genau in diesem Moment wissen wir, dass dieser Hund zu uns gehört und wir keinen Schritt unseres gemeinsamen, nicht immer einfachen Weges bereuen. Aus zwei Fremden ist eine wundervolle Mensch-Hundefamilie entstanden.

Liebe Grüße,
deine Radana

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